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Das T.S.O! - Der Gründungsmythos

Auf einer Geheimtagung des ZK der SED in Wandlitz im Frühjahr 1977 wurde auf Initiative des Genossen Mielke einstimmig beschlossen, der vom Klassenfeind aus auf unsere Republik zurollenden Welle sogenannter "Punk"-Musik dieses Mal rechtzeitig ein eigenes, hochwertiges Erzeugnis - Punk made in G.D.R. - entgegen zu stellen. Der viele Ärger mit den Beat-Combos Mitte der 60er war unvergessen.
Der Vorsitzende des FDJ-Zentralrates Egon Krenz wählte persönlich eine handvoll bewährter, zuverlässiger Kader der DDR-Singebewegung aus und schickte sie mit einer IL-18 der AEROFLOT in das Trainingslager nach Mittelasien.
Die Tatsache, dass außer dem turkmenischen Rundfunk nur ein paar verstaubte Bänder mit schlichter Beat-Musik aus den frühen Sechzigern als Übungsmaterial zur Verfügung standen, erwies sich nicht als so tragisch, wie zunächst befürchtet.
Das Debüt der ersten sozialistischen Punk-Kapelle fand in der Bezirkshauptstadt Dresden statt. Das von keinem West-Rundfunk- oder -Fernsehsender vorbelastete Publikum erkannte den Fehler nicht und war vom "Punk" des sogenannten T.S.O. (Arbeitstitel des FDJ-Zentralrates: Turkmenisches Singegruppen-Orchester) begeistert.
Allerdings bekam der überraschende und schnelle Ruhm den Jugendfreunden nicht. Sie verkamen sehr rasch, vergaßen ihren Parteiauftrag, zerstörten bei ihren Auftritten nach exzessivem Alkoholgenuss reihenweise hochwertige Instrumente aus dem Exportsortiment des VEB Vermona und fanden sich bald im verheerenden Teufelskreis zwischen Klubbühnen, Wohnheimbars und ständig wechselnden Internatsbetten. Der Rest ist Kult.

Vielleicht war es auch etwas anders:

Gegen Ende der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts dilettierten einige Dresdner Studenten aus Langeweile und Übermut an schrottreifen Instrumenten der berüchtigten Marke "Vermona".
Eine im abgrundtiefen Alkoholrausch zelebrierte Session, die von etlichen durchgeknallten Verstärkern, zerborstenen Trommelfellen und fliegenden Rotweinpappbechern flankiert war, wurde voneinigen zufällig Vorbeikommenden als Konzert missverstanden. In sehr konsequentem Irrtum verbreiteten sie fortan die Mär, die erste Punk-Band der DDR erlebt zu haben.
Der Abend war bis in den hellen Morgen von Freibier ohne Ende begleitet und endete für die Akteure in schönen warmen Internatsbetten, deren Inhaberinnen sich in der frühen Mittagssonne auch noch als ansehnlich erwiesen.
Als sie sich am Nachmittag vor dem Tresen wiederfanden, wussten sie noch nicht, dass sie eine Kult-Kapelle gegründet hatten.

So mag es gewesen sein, oder eben doch anders:

Man schrieb das Jahr 1977. Beiderseits der innerdeutschen Grenze wurden soeben hastig in Sichtweite Mittelstreckenraketen aufgebaut, als auf der Brüsseler NATO-Ratstagung von einer Expertengruppe ein ebenso verblüffend einfacher wie genialer Vorschlag unterbreitet wurde: Man solle in Moskau einen eigenen Mann in die Führungsspitze schleusen, der erst die Klassiker des Marxismus-Leninismus verunglimpft und dann den ganzen Ostblock implodieren lässt. Dazu bedurfte es allerdings zunächst einer wirkungsvollen Desorientierung der Massen. Der flächendeckende Abwurf von Bierbüchsen schied aus. Wegen der Raketen und weil die meisten Ostler sie nicht aufgekriegt hätten. Alternative: Sex & Drugs & Rock'n Roll. Vorhandene Musiker in der DDR rockten entweder für den Frieden, machten gepflegte Jugendtanzmusik oder waren fest in der Hand des FDJ-Zentralrates. Etwas Neues musste her. - Der kürzeste Weg von der Botschaft der Bundesrepublik in Prag führte nach Dresden, einer seltsamen Stadt im Elbtal, in der es nicht einmal Westfernsehen gab. Kurz nach der Ankunft wurden zwei BND-Spezialisten fündig: Ein halbes Dutzend prachtvoll desolater Subjekte am Tresen einer Espresso-Bar. Es bedurfte lediglich einer Flasche rumänischen Weinbrands und weniger lenkender Worte, um die spontane Gründung einer Band zu initiieren. Wieso sie sich T.S.O. nannten, wusste hinterher keiner mehr. Sie kannten ja auch nicht den Arbeitstitel des BND: terroristisch-süchtig-obszön...
Das ganze schien ein Selbstläufer zu werden. Vermona - Verstärker, denen niemand ansah, dass sie mit D-Mark gesponsert waren, wurden reihenweise vernichtet, Gitarren splitterten und Trommler stürzten samt Equipment von der Bühne. Das Publikum war begeistert bis außer sich, die Sicherheitskräfte ratlos. Die erhoffte Flächenwirkung blieb dennoch aus. Die frischgebackenen Musiker kaprizierten sich nämlich rasch auf Selbstzerstörung. Alkohol bis zum Exzess, Frauen ohne Ende, kompletter Realitätsverlust - die subversive Kapelle, die den Untergang des Sozialismus einläuten sollte, versank im Bermuda-Dreieck zwischen Wohnheimbar, ständig wechselnden Internatsbetten und Klo. Der Rest ist Legende.

Vielleicht war es auch noch anders. Wer weiß. Immerhin bleibt festzuhalten: Wir stammen noch aus einer Zeit, wo vieles möglich war. Heute ist es viel schwieriger, eine berühmte Kapelle zu gründen.