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Die wahren Gottväter des Punk

Ging es nicht darum, die alten Strukturen anzugreifen? Die klassischen Werte der Kunst zu persiflieren? Kalkulierte Lärmorgien waren die Folge, durchdacht bis zum letzten Feedback. Wahrhafte Amateure ohne jeglichen musikalischen Background traten an, der Welt zu zeigen, was wahre Kunst ist.
Nein - Genies, wie es nur Wenige in jedem Jahrhundert gibt, traten mutig an um ihren Weg zu gehen. Ihr Kampfplatz für den Frieden war die Bühne, getragen wurde diese auf den Schultern der treuen Anhängerschaft, die sich aus freiwilligen, meist angehenden Werktätigen, oftmals angehenden Alkoholikern und Nichtwerktätigen (aus Überzeugung, versteht sich!) zusammensetzte. Welch ein Bild!
Was muss es für die Künstler bedeutet haben, sich von Establishment und Neidern als Dilettanten beschimpfen zu lassen? Man kann es sich kaum vorstellen, wie sie gelitten haben müssen, wie sehr ihr Ego oft verletzt wurde....zu Unrecht, wie man heute weiß. Nein, es war kein Faschingsgag, es war der Aufbruch in eine neue Ära der Musikgeschichte, damals im Jahre 1977.

In diesem Kontext war es wichtig, auch Äußerlichkeiten zu zelebrieren: Sich nicht in einer Staatskarosse zum Auftritt chauffieren zu lassen. Nein, selbst im Trabant die Instrumente transportieren, was für eine Idee. Einfach genial. Das entsprach genau der Bewegung der damaligen Zeit.

Wie man heute weiß, folgten viele ihrem Beispiel. Ganze Wellen folgten, New Wave, Synthy-Pop, Grunge bis hin zum Cross-over, etc.....selbst zum Techno zieht sich der Faden. Ja - ohne das T.S.O. wäre ein Herr Bohlen nie auf die Idee gekommen, einfachste Noten zu verwenden und sich beschimpfen zu lassen. Verona Feldbusch, Jürgen Drews, Frank Zappa, Guns & Roses, es sind nur einige Beispiele für treue Gefolgschaft.

Dabei hat alles mit einem Klassiker angefangen: Satisfaction!

Und sie erhielten Satisfaktion. Das Bundesverdienstkreuz - gleich einer Heiligsprechung - verliehen im Jahre 1989, kurz nachdem sie ihr Exil aufgaben, quasi die Großkommune DDR mutig auflösten, in der sie fernab aller materiellen Einflüsse, fernab aller unerheblichen Zivilisationsentwicklungen gelebt hatten. Sie rissen die Mauern ein und zogen aus, der Welt zu zeigen, dass es etwas anderes gibt, als Millionen von CD's zu verkaufen, in Villen zu leben und ständig um die Welt jetten zu müssen, ständig dem Alkohol und den anderen niederen Genüssen zu fröhnen und dabei die Basis, den Grundgedanken ihres Handelns zu verlieren.

Heute hat jeder der Bandmitglieder seinen eigenen überschaubaren Ashram gegründet, mit Frauen die es zu schätzen wissen, dass sie sich in der Nähe dieser Götter aufhalten dürfen, sie erwählt und gleichsam geadelt wurden. Die Nachkommen, die Göttersöhne und -töchter, wohl verteilt an den wahren Schaltstellen der Kunst und des Weltgeschehens. Berlin als Nabel der Welt. Dresden die vermeintliche Hauptstadt der Punk-Bewegung.

Wer hätte gedacht, dass es diese Bewegung noch immer mit der gleichen Intention gibt? Schauen wir einmal genau hin, z.B. auf Dresdner Strassen: Kommt es nicht hin und wieder vor, dass am Samstagvormittag, (jeder andere Tag wäre auch denkbar) biertrinkende, strubbelpeter-gestylte, ca 40-50-jährige Anhänger des Kults, sich konspirativ vor der guten alten Kaufhalle treffen? Und wer kennt diesen Anblick nicht: Was wie eine achtlos weggeworfene Bierdose aussieht im Gebüsch, geknickt und zerkratzt ist der heimliche Versuch, die alten geheimen Grüße der Anhänger wieder zu beleben. Der Versuch, Technik mit Natur zu vereinen, die Technik in ihren letzten Zügen zurückzubringen. Die hilflose, angeschlagene Dose symbolisiert nur allzu deutlich: sie muss, nein, sie will zurück zur Natur !

Aber sagen Sie selbst, ob Sie als geneigter Leser dieser Ode an die Schrecklichkeit, nicht auch mit dieser Bewegung doch stärker verbunden sind, als Sie bisher dachten. Eine Frage, die nur jeder selbst für sich beantworten kann und auch wenigstens einmal im Leben beantworten sollte.


Brian Schlonhoff